Gesundheit ·Multiple Sklerose

Curriculum vitae Encephalitis Disseminata

Ich, unter dem MRT
Ich, Aufnahme aus dem MRT

Ich, Encephalitis Disseminata, wurde erstmals um 1400 in die Welt gesetzt.

Man kannte mich damals natürlich nicht, so wie man mich heute kennt. Wenn ich mich recht besinne, hieß mein erstes Opfer Lidwina von Schiedam. Weil ich nun mal eine Ausgeburt der Hölle bin, tat ich mein Bestes, ließ sie stürzen und erblinden, lähmte sie und fügte ihr unerträgliche Zahnschmerzen zu. Aber was taten diese dummen und arroganten Menschen? Sie sprachen SIE heilig, statt MICH zu fürchten.

Ich ärgerte mich so über diese Ignoranz, dass ich mich bis ins 18. Jahrhundert nicht mehr blicken ließ. Doch dann versuchte ich es wieder, diesmal bei einem jungen Mann, Augustus d’Este’s, dem illegitimen Enkelsohn von König Georg III von England. Endlich nahm man mich ernst und dokumentierte mich ganze 26 Jahre lang.

So in der Mitte des 19. Jahrhunderts ging es dann Schlag auf Schlag. Ein Pathologe nach dem anderen fand Überbleibsel von mir in den Nervensträngen der von ihnen zerstückelten Leichen. Im Jahr 1842 brachte der deutsche Pathologe Friedrich Theodor von Frerichs die medizinische Erforschung von mir einen Schritt weiter. Dieser schlaue Mann erkannte, dass ich mich verändere, auftauche, sich müde fühlen lasse und dass es möglicherweise etwas mit den von mir mühsam zerstörten Nervenzellen zu tun hat.

Später fingen die Ärzte an, sich über mich Gedanken zu machen. Diese Halbgötter in Weiß beschrieben mich und schrieben Doktorarbeiten. Sie untersuchten die bedauernswerten Patienten und studierten die Krankenakten.

Nun fühlte ich mich endlich ernstgenommen, aber verstanden fühlte ich mich noch nicht. Ich machte mir ja nicht die Mühe, sorgfältig aus den vielen Menschen auf diesem Planeten die würdigsten auszusuchen, um dann unerkannt zu bleiben. Ich bin was Exklusives, das nicht jeder haben kann, so wie er will. Ich lasse mich ungern beeinflussen und schon gar nicht vertreiben.

Ich nehm auch nur ein Prozent der Bevölkerung, am liebsten Frauen, und die auch nur möglichst weit weg vom Äquator. Ich bin so exklusiv, dass ich mich nicht durch so etwas Banales wie Ansteckung weitergeben lasse. Schließlich gehöre ich ja nicht zu den primitiven Krankheiten, wie ein ordinärer Schnupfen oder eine Vogelgrippe. Nein, nein, das liegt mir nicht. Auch vererben lasse ich mich nur äußerst ungern, aber wenn ich mal in der Familie bin, dann geht es rund.

Damals, ja das waren noch gute Zeiten. Die Menschen hatten noch nicht den ganzen neumodischen Kram, den sie heute haben. Jetzt sucht man mich überall, im Gehirn und in den Genen, in den Bakterien und im Essen, in der Umwelt und in Lehrbüchern. Allein meine Verursacher werden die werten Menschen niemals finden. Das ist gut so, denn ich mag es, wenn ich unheimlich bin.

Nun lasse ich auch noch die Doktoren für mich arbeiten. Die tun ihr Bestes, um in die Patienten zu sehen. Sie legen sie in Magnetresonanztomografen und in Moorbäder. Sie nehmen Proben aus dem Rückenmark und vom Blut. Sie kommen sogar auf die Idee, dass ich sie meine Verlaufsformen unterscheiden lasse, wenn sie Teile vom lebenden Gehirn untersuchen.

Ich bringe alles durcheinander, Lebensumstände und Zeitpläne, Kinderwunsch und Nervensystem. In all meinen Erscheinungsformen bin ich einzigartig. Grob können mich die Menschen nun einteilen, in eine schwere und schnelle Verlaufsform und dass ich chronische Entzündungen hervorrufen kann, haben sie auch erkannt.

Heute sucht man mich im Internet und in verschiedenen Foren. Ich hinterlasse wie in meinen besten Zeiten ein tiefes Loch, in das ich die Menschen stürze. Das Schönste an mir ist, dass je mehr die Ärzte die Patienten mit Untersuchungen piesaken, desto unverständlicher werde ich ihnen. Ich bin ein Paradox.

Sie versuchen jetzt, mir mit Interferonen und Weihrauch zuleibezurücken. Nun kann ich mich zurücklehnen und die Medikamente den Patienten quälen lassen. Eigentlich geht es mir ganz gut, ich bringe die Menschen zur Verzweiflung und in die Nervenanstalt. Ich verwirre die Ärzte und lass sie solch schöne Wörter wie „HYPOCHONDER“ und „ARBEITSSCHEU“ sagen.

Wenn meine Arbeit getan ist, darf sich der gequälte Mensch auf eine hohe Dosis starker Medikamente einstellen. Na gut, die lassen die Schwellungen in den Nervensträngen vergehen, aber doch bleiben Narben. Manchmal erholt sich der Körper, manchmal eben nicht. Ich bin wie ein Unglücksspiel, bei dem man nur verlieren kann. Ich werde jetzt sogar künstlich in andere Organismen eingepflanzt, um diese leiden lassen zu können. Ich darf jetzt Katzen und Schweine und Affen befallen. Doch am besten gefallen mir immer noch die Menschen. Die können lauthals klagen und meine Geschichte in die Welt bringen. Je mehr Menschen über mich Bescheid wissen, umso öfter werde ich angetroffen. Manche Ärzte verweisen an den Psychiater, dabei bin ich ein Problem des Nervensystems und nicht der Psyche.

Meine liebste Auswirkung ist die Müdigkeit, aber auch Hitzeunverträglichkeit gefällt mir.

Ich mache schwere Glieder, Spastiken und schwäche die Beine. Ich bin überhaupt eine sehr egoistische Kreatur. Ich richte mich nicht nach gesellschaftlichen Normen und Klassen. Ich nehme einfach den, der mir passt. Ich frage nicht, ich mache es einfach.

Wenn mich jetzt keiner will, bin ich auch nicht böse. Ich brauche keinen, der mich will.

Ich nehme mir, wen und was ich brauche. Lebenskraft und Energie, Verzweiflung und Muskelkraft, Rollstühle und Gehhilfen.

Im Jahre 2003 ließ ich mich endgültig in einer jungen Frau nieder. Ich plagte sie schon des öfteren, mit Gefühlsstörungen der Beine, Ausfällen im Tastsinn und der Glieder. Ich schickte die Frau zum Arzt, in die Klinik und an den Rand der Verzweiflung. Ich hatte meine wahre Freude daran, nicht entdeckt zu werden, obwohl ich doch so einzigartig bin. Als die Frau von den Ärzten mit klugen Worten zum Irrenarzt geschickt wurde, verzog ich mich und war nun nicht mehr so leicht auffindbar. Ich mag es nicht, wenn man mich nicht ernst nimmt.

Aber dann war die Gelegenheit günstig und ich nutzte den Umstand aus, dass ich das Immunsystem befalle und das am liebsten bei Stress. Ich zeigte mich nun mit meinem deutlichsten Zeichen, ich ließ ein Auge erblinden und die Armada der Fachärzte sich endlich einig werden. Sie spritzten meine Symptome weg, doch jetzt bin ich endlich zufrieden. Ich ließ zu, dass die Beschwerden abheilten und zeige mich jetzt nur noch auf dem Röntgenbild. Ich bin zwar aktiv, aber ich halte mich mit Ausfällen zurück. Ich warte jetzt wieder auf eine günstige Gelegenheit, den nächsten Stress oder eine Infektion, man weiß es nicht genau. Ich komme, wann ich will und lasse mich nicht vertreiben.

Nun, da ich schon so viele meiner Geheimnisse preisgab, kann ich auch meinen gebräuchlicheren Namen verraten: Multiple Sklerose.

Was meint Ihr dazu?